Intangible
Assets oder
die Kunst, Mehrwert zu
schaffen
von Jürgen
H. Daum
Unternehmen
werden immer undurchschaubarer,
ihre Produktiv- und
Risikofaktoren und die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit
ihrer Geschäftssysteme immer
schwieriger fassbar. Für
Manager, Investoren und Ökonomen
ist diese Situation
alarmierend. Wir laufen Gefahr,
dass Unternehmen nicht in der
Lage sind, ihr volles
wirtschaftliches Potenzial zu
entfalten, um Mehrwert und
Wohlstand zu schaffen. Denn
ein großer Teil der Aktivitäten,
mit denen sie Mehrwert für
ihre Aktionäre und
Stakeholder schaffen, wird
nicht mehr systematisch
erfasst und damit sowohl
intern als auch extern nicht
transparent.
Der
Grund dafür ist die Unzulänglichkeit
unserer Management-,
Rechnungslegungs-, und
Controllinginstrumente. Denn
diese haben mit der
Entwicklung der
wirtschaftlichen Realität der
letzten Jahrzehnte nicht
Schritt gehalten. Sie stammen
aus einem anderen
Wirtschaftszeitalter und
orientieren sich an den
industriellen Wertschöpfungssystemen
der Vergangenheit. Deshalb
liefern sie eine viel zu
begrenzte Sicht und klammern
die wichtigsten
Produktivfaktoren unserer
zunehmend wissens- und
dienstleistungsorientierten
Unternehmen und
Volkswirtschaften aus. Gemeint
sind Intangbile Assets –
nichtmonetäre,
nichtmaterielle, „ungreifbare“
Produktivfaktoren – und die
ihnen innewohnenden
Produktivkräfte und Risiken.
Die
USA rühmten sich lange, über
das beste, genaueste und
transparenteste Rechnungswesen
und Rechnungslegungssystem zu
verfügen. Der Goldstandard
der Rechnungslegung, die
amerikanischen „Generally
Accepted Accounting
Principles“ (US-GAAP
), die im Gegensatz zu den
Bilanzierungsrichtlinien des
deutschen Handelsgesetzbuches
auf den „Fair Value
“, die möglichst genaue
Wiedergabe der aktuellen
Unternehmensperformance,
abheben, hat allerdings jüngst
einen schweren Rückschlag
erlitten.
Die
größte Insolvenz der
amerikanischen
Wirtschaftsgeschichte, der plötzliche
Zusammenbruch von Enron
, dem bislang offensichtlich
profitablen
Energiehandelsgiganten, löste
in den USA einen wahren Schock
aus. Viele Amerikaner beginnen
nun, selbst das vermeintliche
Gütesiegel der
GAAP-Rechnungslegung zu
hinterfragen. Nie zuvor
begegneten Anleger den
Zahlenwerken der
amerikanischen
Aktiengesellschaften mit so
viel Skepsis wie in diesen
Tagen. Das Misstrauen erfasst
selbst Standardwerte wie
General Electric
und IBM
.
US-Präsident
George W. Bush
hat Mitte
Januar 2002 angekündigt, die
Anforderungen an das externe
Berichtswesen von
Aktiengesellschaften einer
genauen Prüfung zu
unterziehen. Als
Hauptkritikpunkt wird genannt,
dass die US-GAAP zwar auf
einem sehr detaillierten
Regelwerk basieren, aber
breiter angelegte Prinzipien
vermissen lassen, die
sicherstellen, dass die für
die Beurteilung heutiger
Unternehmen relevanten
Informationen publiziert
werden.
Was
insbesondere fehlt, sind
allgemeine Standards und
Regeln, wie z.B. mit
Investitionen in Intangibles
im Rechnungswesen und im
Financial Reporting verfahren
werden soll. So bezeichnet es
Professor Baruch Lev
von der New
York University in seinem
Bericht an den amerikanischen
Kongress anlässlich des
Enron-Falles als den
Hauptmangel des gegenwärtigen
Financial Reportings, dass es
nur den finanziellen Aspekt
von bereits erfolgten
Transaktionen wiedergibt.
Stattdessen sollten
Unternehmen zukünftig auch über
ihre Intangible Assets und
umfassend über ihre
Risikolage berichten.
Ein
Schritt in Richtung einer größeren
Transparenz bei den
Intangibles wurde in den USA
bereits getan. Denn die neuen
US-GAAP-Regeln bezüglich des
Goodwills (SFAS 141 und SFAS
142), die erstmals im Geschäftsjahr
2002 anzuwenden sind, werden
Unternehmen, Finanzanalysten
und Investoren veranlassen,
sich näher mit den
Bestandteilen des Goodwills, nämlich
den Intangible Assets, zu
befassen. Allerdings betrifft
dies nur erworbene Intangible
Assets, deren Wert im Rahmen
der Erstkonsolidierung nach
der Übernahme eines
Unternehmens aufgedeckt werden
und in den Folgejahren einem
so genannten Impairment-Test
unterzogen werden müssen. Die
neuen Regeln reichen deshalb
nicht aus, um ein vollständiges
Bild zu erhalten, wie ein
Unternehmen mit seinen
Intangible Assets Mehrwert
schafft und wie erfolgreich es
damit ist.
Die
Forderung, dass Unternehmen
ihre Aktionäre umfassend über
ihre neuen Werttreiber, die
Intangible Assets, informieren
müssen, gibt es bereits seit
einiger Zeit – vor allem im
angelsächsischen Raum und in
Skandinavien. Beispielsweise
hat sich damit eine Task Force
der amerikanischen Börsenaufsicht
SEC
beschäftigt,
deren Aufgabe es war, nach
Verbesserungspotenzial in der
bislang üblichen Financial
Reporting-Praxis der
Unternehmen zu suchen. In
ihrem Abschlussbericht vom Mai
2001 empfiehlt diese Task
Force deshalb, dass die SEC
ein „Framework“ für ein
vorerst noch freiwilliges
„Supplemental Reporting“
erstellt.
In
Dänemark ist man da bereits
weiter. Dänemark ist das
erste Land, in dem seit Beginn
diesen Jahres Unternehmen im
Rahmen ihres Jahresabschlusses
ein so genanntes Intellectual
Capital Statement erstellen müssen.
Die Regelung basiert auf den
Erfahrungen von mehreren dänischen
und schwedischen Unternehmen.
Eines dieser Unternehmen ist
der schwedische
Finanzdienstleister Skandia
, der unter der Leitung von
Leif Edvinsson
als erster
ein solches Reporting eingeführt
hatte.
All
diese Initiativen zeigen, dass
die derzeitige
Rechnungslegungspraxis
unzureichend ist. Das
Rechnungswesen und die
Rechnungslegung müssen mehr
die wirtschaftliche Realität
der Unternehmen wiederspiegeln,
um ein verlässliches
Instrument für
Investitionsentscheidungen zu
sein. Gleichzeitig benötigt
aber das Management bessere
Controlling- und
Managementinstrumente, um das,
was nach außen berichtet wird,
innen steuern und optimieren
zu können.
Genauso
wie zu Beginn des 20
Jahrhunderts die industrielle
Massenproduktion, als damals
neuer Wertschöpfungsmotor,
die Erweiterung der bis dahin
üblichen Buchführung durch
eine komplexere Kostenrechnung
und Anlagenbuchhaltung
erfordert hat, muss heute das
Rechnungswesen und das
Controllingsystem um Sichten
erweitert werden, mit denen
sich die neuen wertschaffenden
Tätigkeiten und Prozesse
abbilden lassen.
In
der boomenden Wirtschaft der
90er-Jahre konnten gröbere
Controlling- und
Bewertungsmodelle vielleicht
noch eher toleriert werden. In
der heutigen, langsamer
wachsenden Wirtschaft und
angesichts stagnierender
Kapitalmärkte müssen Manager
der Resourcenallokation mehr
Beachtung schenken. Sie müssen
die Fähigkeit entwickeln, den
erwarteten Return on
Investment im Bereich
Forschung und Entwicklung,
Mitarbeiterfortbildung,
Informationstechnologie,
Markenführung usw. zu
ermitteln, und diesen mit dem
Ertrag von Investitionen in
Sachanlagen zu vergleichen.
Die
Aufnahme von Informationen über
die nichtfinanziellen
Erfolgsfaktoren in
Managementberichte ist daher
unabdingbar, reicht jedoch
nicht aus, um die Intangible
Assets eines Unternehmens
richtig zu managen und ihr
Potenzial voll zu nutzen. Denn
Wertschöpfung auf der Basis
von Intangible Assets ist in
den meisten Organisationen ein
komplexer Prozess. Es bedarf
eines gründlichen Verständnisses
des Wesens und der
Eigenschaften von Intangible
Assets, um den konzeptionellen
Rahmen für ein neues
Managementsystem entwerfen zu
können.
Die
Unternehmensstrategie, die
beschreibt, wie ein
Unternehmen mit einer möglichst
einzigartigen Kombination
seiner Assets für Aktionäre
und sonstige Stakeholder Wert
schaffen möchte, wird im
schnelllebigen
wissensbasierten Umfeld noch
wesentlich wichtiger sein als
bisher. Entscheidend ist dabei
aber, dass Strategiearbeit ins
operative Management Einzug hält
und Strategien schnell
umsetzbar, aber auch schnell
anpassbar sind.
Dazu
wird ein Managementsystem benötigt,
das Strategiearbeit zu einem
laufenden Prozess statt zu
einer Einmalaktion macht und
einen kontinuierlichen
strategischen Dialog im
Unternehmen etabliert. Denn
eine wesentliche Eigenschaft
von Intangible Assets ist,
dass deren Wert in der Regel
in weit höherem Maße von
externen Faktoren abhängig
ist, als das bei physischen
Assets der Fall ist. Und
externe Faktoren stehen nicht
unter der Kontrolle des
Managements.
Wettbewerbspositionen können
nur gehalten oder gar
ausgebaut werden, wenn das
Unternehmen solchen externen
Entwicklungen immer eine
Nasenlänge voraus ist und die
eigene Strategie schon
angepasst wurde, bevor eine Änderung
eintritt.
Das
Controllingsystem muss ein
Kennzahlsystem umfassen, das
eine konzentrierte Sicht auf
die jeweils erfolgkritischen
Bereiche eines Unternehmens
ermöglicht. Zusätzlich zur
Performanceüberwachung bildet
dieses Kennzahlsystem auch die
Basis für die Planung und für
das Risikomanagement,
insbesondere für die
rollierende Vorschau, die als
Dreh- und Angelpunkt und
Integrationsstelle für die
verschiedenen
Managementprozesse fungiert.
Das vom Autor entwickelte
„Tableau de Bord“, das
sowohl über die
Gesamtperformance des
Unternehmens als auch über
den Status der wichtigsten
wertschöpfenden Prozesse und
über ihre Perspektiven
informiert, stellt den Versuch
dar, einen Rahmen für das
neue Informations-,
Controlling, und auch Risikoüberwachsungssystem
zu definieren. Dieser kann
sowohl als Basis für ein
neues Managementsystem als
auch für das externe
Reporting dienen.
Manager
sind aber auch persönlich
gefordert. Sie müssen
hinzulernen. Traditionell sind
sie auf das Vermeiden von
Risiken und auf das Lösen von
Problemen im Tagesgeschäft
trainiert. Dies ist nicht mehr
ausreichend. Es geht in der
neuen Ökonomie nicht darum,
Risiken zu vermeiden, sondern
diese zu begrenzen und vor
allem Chancen schnell
wahrzunehmen, indem diese
umgehend in neue Strategien übersetzt
und in die richtigen konkreten
Aktionen umgesetzt werden.
Manager müssen lernen, ihrem
Gefühl zu misstrauen und mehr
auf Fakten zu setzen. Sie
sollten sich mit Techniken wie
Systems Thinking und
Szenarienplanung vertraut
machen. Denn sie neigen wie
jeder Mensch dazu, große
Risiken zu unterschätzen und
kleine zu überschätzen und
lieber einen eher kleinen
Verlust um jeden Preis zu
vermeiden als eine große
Chance zu realisieren, wie
Patrick Georges, im Interview
in diesem Buch
gesagt hat.
Das
Buch will zunächst die
Notwendigkeit eines neuen
Unternehmenskonzepts und
Managementsystems im heutigen
wirtschaftlichen Umfeld, in
der so genannten neuen Ökonomie,
umfassend erläutern und
belegen. Dies soll um die
Darstellung ergänzt werden,
wie sich Unternehmen intern,
aber auch in ihren Außenbeziehungen
organisieren, um die neuen
Erfolgsfaktoren besser nutzen
zu können. Das eigentliche
Ziel des Buches und sein
Hauptthema ist es jedoch
darzustellen, welche Aufgaben
ein verbessertes
Managementsystem lösen soll,
wie dieses und die zugehörigen
Rechnungswesen- und
Controllinginstrumente
konzipiert sein müssen, und
wie es mit einem verbesserten
externen Berichtswesen
verzahnt ist. Ich habe dabei
versucht, aufbauend auf dem
aktuellen Stand der fachlichen
Diskussion, die passenden
Tools, Instrumente und Ansätze
zusammenzutragen und zu einem
integrierten Konzept zu
verbinden.
In
Teil 1 des
Buches wird durch die
Beschreibung der neuen
Unternehmenswelt und der
Bedingungen der neuen Ökonomie
dargestellt, weshalb die
bislang üblichen
Unternehmensmodelle und
Managementsysteme nicht mehr
ausreichend sind. Es werden
die Grenzen der bislang üblichen
Organisationsformen, des
traditionellen
Managementsystems, und der
Rechnungswesen- und
Controllingsysteme aufgezeigt.
Ebenso werden anhand
zahlreicher Fallbeispiele die
Erfolgsfaktoren für
Unternehmen in diesem neuen
Umfeld offen gelegt.
Teil
2 erläutert, wie
Unternehmen auf ihre veränderte
Rolle in der Gesellschaft
reagieren und wie sie durch
Investitionen in
Strukturkapital ihre
Unternehmensstrukturen und
Prozesse sowie ihre
Unternehmenskultur anpassen,
um Wert für Anteilseigner und
Stakeholder zu schaffen.
Anhand des Beispiels von ABB
wird gezeigt, wie sich ein
Unternehmen von einem
hierarchisch geführten,
klassischen
Industrieunternehmen zum
globalen, aber in kleineren
Einheiten unternehmerisch
handelnden Unternehmen
entwickelte. Im Anschluss wird
am Beispiel von Cisco die
Evolution eines globalen
Industrieunternehmens zum
vernetzten E-Business
Unternehmen beschrieben.
In
Teil 3 werden
schließlich Konzepte und
Beispiele für ein neues
Managementsystem vorgestellt,
das Unternehmen in die Lage
versetzt, die
Herausforderungen im Zeitalter
der Intangible Assets zu
meistern. Dies umfasst die
Darstellung eines Frameworks für
ein neues Rechnungswesen-,
Controlling- und
Managementsystem, aber auch für
ein verbessertes externes
Berichtswesen. Dabei wurden
Konzepte wie Kaplans
und Nortons
Balanced
Scorecard und Levs
Value Chain
Blueprint und andere moderne
Managementkonzepte berücksichtigt.
Mit der Beschreibung der neuen
Herausforderungen für den CFO
und den CIO und eines Modells
für die passende
informationstechnische
Infrastruktur endet dieser
Teil.
Was
eine auf Wissen und Intangible
Assets basierende Wirtschaft
auf der Makroebene bedeutet
und welche die neuen
Erfolgsfaktoren für
Volkswirtschaften sind, darüber
soll der Epilog
des Buches Aufschluss
geben.
Jeder
Teil des Buches ist so
geschrieben, dass er separat
gelesen werden kann. Mehr am
Thema Rechnungswesen,
Controlling und Management
Interessierte sollten sich vor
allem auf Teil 3 konzentrieren.
Möchte der Leser mehr darüber
erfahren, was Manager
unternommen haben, um ihre
Unternehmen im neuen Umfeld
zum Erfolg zu führen und
neues Strukturkapital
aufzubauen, empfiehlt sich der
Fokus auf Teil 2. Einem
generellen Überblick über
die Thematik und Problematik
bietet Teil 1 des Buches.
Unternehmerische
Fehlentscheidungen, die aus
der mangelnden Fähigkeit
resultieren, Intangible Assets
richtig zu managen, sind die
Bremse, die ihre Nutzung und
das durch sie mögliche
wirtschaftliche Wachstum
behindert. Die systematische
Vermeidung solcher
Fehlentscheidungen durch ein
verbessertes Managementsystem
wird deshalb kaum zu überschätzende
Auswirkungen auf den
Unternehmenserfolg und das
Unternehmensergebnis haben.
Indem Unternehmen
vorausschauender handeln, ihre
Chancen und Risiken genauer
abschätzen und ihre neuen
Produktivfaktoren besser
nutzen, steigern sie ihre
Produktivität und Rendite.
Dies könnte die Wirtschaft
insgesamt in einem Maße
voranbringen, das die
Produktivitätsgewinne noch übertreffen
würde, die wir durch die
Verbesserung der
Unternehmensstrukturen und der
operativen Prozesse und durch
den intensiveren Einsatz von
Informationstechnologie in den
90er-Jahren vor allem in den
USA gesehen haben.
Gerade
in Europa besteht noch großer
Nachholbedarf, was die
Produktivität der
Volkswirtschaften betrifft. Während
ich diese Einleitung schreibe,
erhalte ich gerade die
neuesten Zahlen für das Jahr
2001. Trotz der schlechteren
Konjunktur ist es den USA
wieder gelungen, die hohe
Produktivitätsrate der
zweiten Hälfte der neunziger
Jahre annähernd zu halten.
Das leicht gesunkene
Wirtschaftswachstum ist nicht
auf eine gesunkene Produktivität,
sondern auf eine gesunkene
Beschäftigung zurückzuführen.
Die Produktivitätslücke
zwischen den USA und dem Rest
der Welt wird damit immer größer.
Europa befindet sich in einer
Aufholjagd. Europäische
Unternehmen sollten deshalb
darauf achten, nicht auch noch
den nächsten Zug zu verpassen:
die Generalüberholung der
Managementsysteme und die
dadurch möglichen Produktivitätsverbesserungen.
Heidelberg, im Februar
2002
Jürgen
H. Daum
jhd@juergendaum.de
http://www.juergendaum.de/